„Automatisierung ist kein IT-Projekt – es ist eine Überlebensstrategie“

Unser Gast im Interview - Felix Bächle, ist Business Innovator, ehemaliger BCG-Berater und Gründer von Moonolabs - einer Beratung, die Unternehmen beim strategischen Umgang mit Automatisierung begleitet. Im Gespräch geht er einer Frage nach, die viele bewegt, aber kaum jemand laut ausspricht: Braucht man mich und mein Unternehmen morgen noch?

 

Felix, beginnen wir direkt mit der unbequemen Frage: Werden durch Automatisierung und KI massenhaft Jobs verschwinden?

Die kurze Antwort: Nein – zumindest nicht so, wie die meisten es befürchten. Die längere Antwort ist differenzierter. Wir sehen gerade, dass KI rund 60 Prozent der Bürotätigkeiten in den nächsten fünf Jahren stark beeinflussen wird. Aber „beeinflussen“ ist nicht gleichbedeutend mit „ersetzen“. Studien zeigen, dass tatsächlich nur fünf bis sieben Prozent der Jobs komplett wegfallen werden. Der Rest wird sich verändern – und das ist der entscheidende Punkt.

Die eigentliche Frage ist nicht „Werde ich ersetzt?“, sondern „Bin ich bereit, mich anzupassen?“ Unternehmen, die das verstehen, sehen Automatisierung als Chance. Die anderen schlafen sich in einen Wettbewerbsnachteil.

 

Viele setzen Automatisierung mit KI gleich. Warum greift das zu kurz?

Das ist einer der häufigsten Denkfehler, den ich in Unternehmen erlebe. KI ist ein mächtiges Werkzeug, Automatisierung aber - ist ein größeres Konzept. Automatisierung bedeutet: Prozesse so gestalten, dass sie ohne manuelle Eingriffe laufen. Das kann durch einfache Skripte passieren, durch RPA-Bots, durch API-Integrationen oder ja, auch durch KI.

Wenn Unternehmen sagen „Wir wollen automatisieren, also kaufen wir ein KI-Tool“, ist das ungefähr so, als würde man sagen: „Wir wollen gesünder leben, also kaufen wir Laufschuhe.“ Die Schuhe helfen – doch ohne die Entscheidung, wirklich rauszugehen und systematisch zu trainieren, liegen sie nach drei Wochen im Schrank.

Echte Automatisierung beginnt mit einem Prozessverständnis. Erst dann kommen die Tools.

 

Was unterscheidet Unternehmen, die das wirklich verstanden haben, von denen, die es noch nicht tun?

Der Unterschied liegt im Denkverhalten. Die einen fragen: „Was kann dieses Tool?“ Die anderen fragen: „Welches Problem wollen wir lösen – und welches Werkzeug passt dazu?“

Das klingt trivial, ist es aber nicht. Ich arbeite mit Unternehmen zusammen, die hunderte Prozesse haben – und nur bei fünf Prozent davon ist KI tatsächlich die beste Lösung. Bei den anderen braucht es solide Prozessklarheit, vielleicht einfache Automatisierungsbausteine, auch manchmal nur ein besseres Schnittstellenmanagement.

Was erfolgreiche Unternehmen eint: Sie haben aufgehört, Automatisierung als Projekt zu behandeln. Sie denken es ganzheitlich, als dauerhafte Organisationsfähigkeit. Das ist der eigentliche Umbruch.

 

Welche Rollen und Funktionen sind durch Automatisierung besonders gefährdet – und welche gewinnen an Bedeutung?

Gefährdet sind Rollen, die primär aus regelbasierten, sich wiederholenden Tätigkeiten bestehen. Dateneingabe, einfache Sachbearbeitung, standardisierte Kommunikation – das sind die klassischen Kandidaten.

Aber auf der anderen Seite der Waage gewinnen ganz bestimmte Profile massiv an Bedeutung: Menschen, die Systeme orchestrieren können. Die verstehen, wie Prozesse zusammenhängen, die mit Daten kommunizieren, die zwischen Technologie und Geschäftsstrategie übersetzen können. Das nenne ich „Process Thinker“ – und davon gibt es noch viel zu wenige.

Zudem bleibt alles, was menschliche Qualitäten erfordert – Empathie, Kreativität, ethisches Urteilsvermögen, komplexe Verhandlungsführung – vorerst fest in unserer Hand.

 

Welche Skills brauchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um in dieser Welt relevant zu bleiben?

Ich unterscheide da zwischen drei Ebenen. Erstens: digitale Grundkompetenz. Das ist heute kein Unterscheidungsmerkmal mehr, sondern Basis.

Zweitens: Prozessdenken. Die Fähigkeit, einen Ablauf zu verstehen, Schwachstellen zu erkennen und Lösungen zu konzipieren – das ist in einer automatisierten Welt Gold wert.

Und drittens, das Unterscheidungsmerkmal der nächsten Dekade: die Fähigkeit, mit KI zu arbeiten. Nicht sie zu programmieren – das müssen die wenigsten. Jedoch zu wissen, wann und wie man KI sinnvoll einsetzt, wie man Ergebnisse kritisch bewertet – das wird zur Kernkompetenz werden wie E-Mails schreiben heute.

 

Was empfiehlst du Unternehmen, die jetzt mit Automatisierung starten wollen?

Fangt klein an, aber denkt groß. Das ist mein wichtigster Rat.

Sucht euch einen Prozess, der wirklich wehtut. Nicht den glamourösesten, nicht den strategisch wichtigsten – sondern den, bei dem eure Mitarbeitenden jeden Montag die Augen verdrehen, weil er so mühsam ist. Automatisiert genau diesen. Feiert den Erfolg. Lernt daraus.

Was ich nicht empfehle: sofort eine unternehmensweite Automatisierungsstrategie mit externen Beratern und einem Sechs-Monats-Roadmap. Das klingt gut, aber es baut keine interne Fähigkeit auf.

 

Zum Abschluss: Was ist die eine Erkenntnis, die du unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchtest?

Automatisierung ist keine Bedrohung für Menschen, die bereit sind zu lernen. Sie ist eine Bedrohung für Unternehmen und Individuen, die glauben, sie könnten so weitermachen wie bisher.

Die Automatisierungswelle kommt nicht irgendwann, sie ist schon da. Und die Frage „Braucht man mich morgen noch?“ hat eine sehr konkrete Antwort: Ja – wenn du heute anfängst, dich anzupassen.

 

Felix Bächle ist Gründer von Moonolabs und berät Unternehmen bei der strategischen Gestaltung von Automatisierungs- und Transformationsprozessen. Mehr zum Thema in der Podcast-Folge: "Die Automatisierungswelle – Braucht man mich und mein Unternehmen morgen noch?".

 

Weiterführende Quellen

KI & Automatisierung 2026 – Trend Report

KI-Studie 2025: KI im Mittelstand und KMU – Maximal Digital

KI wird bei Automatisierung wichtiger – Computerwoche

Back to the news overview